Unruhige Nächte: Wer öfter „Raus muss“, könnte an einer Krankheit leiden
Christine kann sich kaum auf ihre Arbeit konzentrieren, so müde ist sie. Statt in der Nacht erholsamen Schlaf zu finden, muss sie mehrmals aufstehen, um ihre Blase zu entleeren. Dass es sich bei dieser „lästigen Erscheinung“ um eine Krankheit handeln könnte, kommt Christine nicht in den Sinn. Ebenso wenig, dass sie einen Arzt aufsuchen sollte.
„In Österreich leiden etwa 540.000 Frauen und 290.000 Männer an übermäßigem Harndrang“, berichtet Univ.-Prof. Dr. Hans Christoph Klingler von der Universitätsklinik für Urologie am AKH Wien. „Ab dem 40. Lebensjahr nimmt die Zahl der Betroffenen ständig zu. Bei mehr als 70 Prozent der über 70-Jährigen macht dieses Problem die Nachtruhe zunichte, denn häufig ist auch ein nächtlicher Harndrang das Hauptsymptom.”
Je älter wir werden, desto eher stört die Harnblase den Schlaf – Nykturie ist der häufigste Grund für Schlafstörungen im Alter. Mehrmals pro Nacht aufgrund von Harndrang aufzuwachen, gilt als krankhaft und wird als Nykturie bezeichnet. Dennoch wird von fast der Hälfte der zahlreichen Betroffenen ihr nächtlicher Toilettenbesuch als natürliche Folge des Älterwerdens interpretiert, aber nicht als Ausdruck einer Krankheit. Sie wissen auch nicht, dass es gute Behandlungsmöglichkeiten gibt. Damit bleibt der Weg zum Arzt aus.
Mögliche Ursachen
„Problem ist oft ein Mangel am Botenstoff ADH (antidiuretisches Hormon, Vasopressin). Dieses steuert den Wasserhaushalt im Körper. Fehlt es oder wird in zu geringem Ausmaß vom Organismus produziert, füllt sich die Blase unentwegt mit Harn“, erklärt Prof. Klingler. In solchen Fällen verschreibt der Arzt oft das Ersatz-Hormon Desmopressin. Am Abend eingenommen, bewirkt es eine Konzentrierung des Urins und eine Verminderung der nächtlichen Harnausscheidung um ca. 30 Prozent. Damit kann die Nykturie auf weniger als zwei nächtliche Toilettengänge reduziert und die Dauer der ersten Schlafphase um durchschnittlich zwei Stunden erhöht werden. Ein Drittel der Patienten konnte durch die Behandlung sogar wieder mehr als fünf Stunden durchschlafen. Das Sturzrisiko wird verringert, die Leistungsfähigkeit und Lebensqualität steigt.
Schuld an den „nächtlichen Ausflügen“ können auch Zuckerkrankheit, Herz- oder Nierenschwäche sowie eine überaktive Blase sein. Allerdings sind auch entwässernde Medikamente mitunter verantwortlich. Möglich ist ebenso, dass das Trinkverhalten falsch ist und Betroffene vor dem Zubettgehen zu viel Flüssigkeit aufnehmen.
Miktionsprotokoll - wichtiges Hilfsmittel
Wurden die oben genannten Ursachen vom Arzt ausgeschlossen und weitere mögliche Ursachen wie entwässernde Medikamente (Diuretika) sowie übermäßiges Trinken vor dem Schlafengehen abgeklärt, ist es ratsam ein so genanntes Blasenentleerungsprotokoll (Miktionsprotokoll) zu führen. Dabei werden über einen Zeitraum von mind. 48 Stunden Zeitpunkt und die ausgeschiedene sowie aufgenommenen Flüssigkeitsmenge erfasst. Dann leitet der Arzt eine geeignete Therapie ein.
Mögliche Folgen bei Nichtbehandlung
Ein über mehrere Jahre andauernder gestörter Schlaf ist nicht nur unangenehm, er hat auch weit reichende Auswirkungen auf Lebensqualität und Gesundheit. Denn mehrmaliges Erwachen und Aufstehen in der Nacht ist zwangsläufig mit schlechter Nachtruhe verbunden. Nykturie-Patienten leiden etwa doppelt so häufig unter Depressionen, Stimmungsschwankungen, Tagesmüdigkeit und Konzentrationsschwäche wie Menschen ohne Nykturie. Durch den gestörten Schlaf ist die Immunabwehr verringert und das Risiko für Herzkrankheiten, Morbidität, Mortalität und Unfälle steigt. Bei älteren Menschen verdoppelt sich das nächtliche Sturzrisiko, wodurch auch das Risiko einer gefürchteten Schenkelhalsfraktur dramatisch ansteigt. Um weniger häufig aufzuwachen, schränken viele ihre Flüssigkeitszufuhr drastisch ein, womit sie eine Austrocknung des Körpers (med. Dehydration) riskieren.