Warum nasse Betten?
Die Ursachen von Blasenentleerungsstörungen sind vielfältig, weswegen die genaue Diagnose von ganz besonderer Wichtigkeit ist.
Organisch bedingte Blasenentleerungsstörungen
Mechanische Störungen wie z.B. Veränderungen des äußeren Genitals, Spina bifida, Blasenentzündung etc. können zu einer Funktionsstörung der Blase führen und müssen im Zuge der Basisdiagnose unbedingt ausgeschlossen werden.
Funktionelle Blasenentleerungsstörungen
Vorrangig wird hier eine Entwicklungsverzögerung jener Nervenbahnen angenommen, welche die Blasenfunktion steuern. Zusätzlich scheinen genetische Faktoren mitverantwortlich zu sein, da bei vielen betroffenen Kindern auch zumindest bei einem Elternteil eine Blasenentleerungsstörung vorlag.
Mitunter können auch erworbene Störungen der seelischen Struktur, die Folgen einer Detrusorinstabilität (plötzliches, unwillkürliches Zusammenziehen des Blasenmuskels, „überaktive Blase“) und/oder immer wiederkehrende Harnwegsinfekte ursächlich verantwortlich sein. Psychosoziale Probleme in der Familie und sexueller Kindesmissbrauch als Auslösefaktor von Blasenentleerungstörungen sollten ebenfalls mit in die Überlegungen eingeschlossen werden.
Derartige Blasenentleerungsstörungen haben oft nicht nur den unfreiwilligen Harnabgang bzw. das Einnässen zum Symptom, sondern werden oft auch von Harnwegsinfekten begleitet. Das kann manchmal so ausgeprägt sein, dass eine dauerhafte Schädigung des oberen Harntraktes entsteht.
Enuresis nocturna
Unter Enuresis nocturna versteht man das Einnässen im Schlaf an mindestens zwei Nächten pro Monat nach dem 5. Lebensjahr, wenn das Kind tagsüber trocken ist und keine Harnwegsinfekte oder organische Störungen vorliegen. Man unterscheidet zwei Formen: Die primäre und die sekundäre Enuresis. Die primäre Enuresis beschreibt ein von Geburt an andauerndes Einnässen ohne längere trockene Phasen, die sekundäre Enuresis ein erneutes Einnässen nach einer mindestens 6 Monate langen trockenen Phase.
Die primäre Enuresis macht etwa 80% des kindlichen Einnässens aus!
Die Ursachen sind ebenfalls vielfältig, wobei eine Entwicklungsverzögerung der Blasen-Hirn-Steuerung auch hier eine wesentliche Rolle zu spielen scheint. Zusätzlich sind genetische und familiäre Faktoren an der Entstehung beteiligt. Wenn bereits ein Elternteil auch Bettnässer war, beträgt die genetisch bedingte Wahrscheinlichkeit, dass auch das Kind unter der Krankheit leidet, etwa 45%. Falls Mutter und Vater betroffen waren, steigt die Wahrscheinlichkeit sogar auf bis zu 75%.
Mitverantwortlich und für die Therapie von entscheidender Bedeutung, ist die nicht ausreichende nächtliche Produktion des antidiuretischen Hormons (ADH). ADH bewirkt beim gesunden Kind, dass nachts weniger Harn gebildet wird als tagsüber. Kinder, deren Körper noch zu wenig von diesem Botenstoff bilden, können nachts die große Harnmenge nicht halten – das Bett ist nass.
Weiters werden eine Störung der Wahrnehmung des Miktionsreizes während des Schlafes sowie abnorme Trinkgewohnheiten als verstärkende Mitursache verantwortlich gemacht.
Seelische Störungen sind nicht Ursache sondern Folge
Fälschlicherweise werden sehr oft psychische Probleme oder Unreife als Ursache vermutet. Seelische Störungen sind jedoch vorrangig für die Entstehung einer sekundären Enuresis verantwortlich (wenn das Kind schon mindestens sechs Monate durchgehend trocken war). Bei einer primären Enuresis spielt die Psyche fast ausschließlich nur als mögliche Folge einer unbehandelten Enuresis eine Rolle: Vom verminderten Selbstwertgefühl sozialen Rückzug des Kindes bis hin zu schweren Entwicklungsdefiziten und sogar Persönlichkeitsstörungen reicht die Palette möglicher Konsequenzen.
Univ.-Prof. Dr. Christian Radmayr, FEAPU
Leiter der Abteilung für Kinderurologie an der Medizinischen Universitätsklinik Innsbruck
(http://www.kinderurologie.at/)
Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des Club Mondkind
Literatur beim Verfasser


